Praxis-Depesche 12/2008

81. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Hamburg

Den Fortschritt zum Patienten bringen

Mit rund 4300 Medizinern konnte der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) – er fand vom 10. bis 13. September in Hamburg statt – einen neuen Besucherrekord verzeichnen. „Dieser Besucherrekord zeigt, dass die Neurologie zunehmend an Attraktivität gewinnt. Gleichzeitig wächst die Bedeutung: Die Anzahl der Erkrankungen steigt kontinuierlich an, denn die Menschen werden immer älter.“, so Kongresspräsident Prof. Günther Deuschl in Hamburg.

Wissenschaftlicher Austausch und neurologische Fortbildung standen auch dieses Jahr wieder im Mittelpunkt des DGN-Kongresses. Zahlreiche neue Entdeckungen und Erkenntnisse aus Grundlagenwissenschaft und Forschung und ihre praktische Nutzanwendung wurden in Symposien, Videoforen und Postersessions präsentiert.

Gehört der Telemedizin die Zukunft?

Die Einrichtung vonStroke Units hat die Akutversorgung von Schlaganfall-Patienten in den letzten zehn Jahren erheblich verbessert. Doch nur jeder zweite Betroffene profitiert davon. Denn kleineren Krankenhäusern fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an qualifiziertem Personal.

Nun soll Telemedizin das in den Spezialeinheiten vorhandene Fachwissen auch in ländliche Gebiete transportieren. Ein solches Beispiel ist das Projekt TEMPiS, das die Schlaganfallzentren München-Harlaching und Regensburg mit 15 regionalen Kliniken verbindet.

Seit drei Jahren finden hier rund 3000 Telekonsile pro Jahr statt, bestehend aus einer Patientenuntersuchung vor der Kamera, der Übertragung der CT-Bilder und der Besprechung des weiteren Vorgehens. Mehr als 200 Patienten und damit zehnmal so vielen wie vor Initiierung von TEMPiS konnte mit diesem Projekt pro Jahr geholfen werden: Sie erhielten nach dem Konsil Medikamente zur Auflösung von Blutgerinnseln im Gehirn. Dass die Telemedizin die Sterblichkeit senkt und die Pflegebedürftigkeit sowie das Ausmaß von Behinderungen nach einem Schlaganfall reduziert, zeigt ein Vergleich von fünf an das Netz angeschlossenen mit fünf Kliniken ohne Anbindung.

Jahrelange Patienten-Odyssee mit Schwindel

Schwindel, also die falsche Wahrnehmung, sich zu bewegen oder zu drehen, kann heute meistens gut behandelt werden. „Die großen Fortschritte, die hier in den letzten Jahren erzielt wurden, kommen allerdings den meisten Patienten erst nach einer langen Odyssee zugute, weil sie zu spät an eines der wenigen spezialisierten Zentren überwiesen werden“, kritisierte Prof. Marianne Dieterich, Direktorin der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern der LMU München.

Etwa jeder Dritte erleidet einmal im Jahr einen Schwindelanfall, bei den über 70-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Doch was ist Schwindel überhaupt? Wie Dieterich erläuterte, handelt es sich beim Schwindel eigentlich nicht um eine Krankheitseinheit, sondern um eine Vielzahl von Syndromen, die durch unterschiedliche Ursachen hervorgerufen werden.

Zwischen den ersten Beschwerden und einer exakten Diagnose in einem der viel zu wenigen spezialisierten Zentren vergehen durchschnittlich acht Jahre, in denen der Patient eine Odyssee von Arzt zu Arzt unternimmt und unzählige überflüssige Röntgenaufnahmen und CTs durchgeführt sowie unnötig Medikamente verschrieben werden.

Dabei kann die Behandlung einfach sein: So genügt beim gutartigen Drehschwindel eine spezielle Art der Krankengymanstik; bei somatoformen Schwindelformen, meist Ausdruck einer Angststörung, kann bereits eine kurzzeitige Verhaltenstherapie helfen, so Dieterich.

Off-label-Use neu geregelt

Erstmals war auf dem diesjährigen DGN-Kongress dem Gebrauch von Arzneimitteln außerhalb ihrer eigentlichen Zulassung ein komplettes Symposium gewidmet. Vor zwei Jahren wurde der Off-label-Use vom Bundesministerium für Gesundheit neu geregelt. Wie Prof. Hans-Christoph Diener, Essen, ausführte, zeigt die Umsetzung des Gesetzes bereits erste positive Veränderungen. Nun dürfen Medikamente auch dann zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen verschrieben werden, wenn sie off-label eingesetzt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden.

Damit bewegen sich die Ärzte bei der Off-label-Verordnung nicht mehr im Graubereich und die Patienten müssen die umstrittenen Medikamente nicht mehr selbst zahlen. Die Off-Label-Expertengruppe Neurologie und Psychiatrie beschäftigt sich derzeit mit der Anwendung von i.v.-Immunglobulinen bei MS etc., mit Methyl­phenidat bei ADHS im Erwachsenenalter, mit Verapamil zur Prophylaxe des Cluster-Kopfschmerzes u. v. a. GS

Quelle (Vortrag): Tagungstitel: 81. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), Vortragstitel: , Vortragender: , Ort: Hamburg, Datum: 10.-13.09.08