Neuro-Depesche 6/2009
Highlights vom AAN 2009 am 25.4.-2.5. in Seattle
MS, Schlaganfall, Epilepsie et cetera
Mit fast 300 Präsentationen bildete die MS einen der großen AAN-Schwerpunkte. Ein Highlight: die ersten Phase-III-Studien zu neuen oralen Medikamenten.
Orale Therapie der MS
Wie Prof. Gavin Giovannoni, London, zu Cladribin berichtete, konnten die Patienten mit schubförmig verlaufender MS (RRMS nach McDonald-Kriterien) der CLARITY-Studie (n = 1326) in allen untersuchten Endpunkten von der neuen oralen Behandlung in Tablettenform über zwei Jahre profitieren: Bei guter Verträglichkeit sank unter den beiden Dosierungen (kumulativ 3,5 bzw. 5,25 mg/kg KG) u.a. die jährliche Schubrate (von 0,33 auf 0,14 bzw. 0,15). Das Risiko einer Behinderungsprogression verringerte sich signifikant (-33 bzw -31%). Die in Zyklen erfolgende Therapie hatte eine hohe Adhärenzrate von 89% bzw. 92% (Plazebo: 87%).
MS: Stillen mindert Schubrate
Frauen können ihre Schubrate auch nach der Schwangerschaft niedrig halten, wenn sie stillen. Eine zu schnelle Wiederaufnahme der früheren MS-Therapie scheint im Gegenteil das Risiko zu erhöhen, neuerliche Schübe zu erleiden. In einer kleinen Studie an 32 MS-Patientinnen, die Dr. Annette Langer-Gould, Stanford/USA vorstellte, erlitten nur 36% der (mindestens zwei Monate lang) stillenden Mütter in den zwölf Monaten postpartum einen Schub, nicht stillende Frauen oder früh mit Zufütterung beginnende Mütter zu 87%. Langer-Gould vermutet, dass die bei stillenden Müttern später einsetzende Menstruation den besseren Schutz bewirkt.
NNT bei später rTPA
Die Schlaganfall-Studie ECASS 3 zeigte den Benefit einer i.v.-Thrombolyse mit rTPA auch im Zeitfenster von 3-4,5 Stunden nach dem akuten ischämischen Insult. Prof. Jeffrey Saver, Los Angeles, holte die bislang nicht erfolgte Berechnung der Number needed to treat (NNT) bzw. to harm (NNH) nach und stellte in Seattle die Ergebnisse der Berechnung aus den ECASS 3-Daten vor: Die NNT, um bei einem zusätzlichen Patienten in drei Monaten gegenüber Plazebo eine Besserung um mindestens einen Punkt auf der modifizierten Ranking-Skala zu erziel, beträgt 6,1. Dies ist erwartungsgemäß ungünstiger als die NNT für das frühe Zeitfenster (≤ 3 h), die mit 3,1 angegeben wurde, aber im unteren Bereich der bislang geschätzten NNT von 4 bis 13. Die NNH lagen relativ nah beieinander: 30,1 im kurzen, 37,5 im langen Zeitfenster. Unter 1000 Patienten mit Behandlung 3 – 4,5 h nachdem Schlaganfall können somit 163 mit einem besseren Ergebnis rechnen, während bei 27 eine Verschlechterung zu befürchten ist, resümierte Saver.
Neue AAN-Empfehlungen für Schwangerschaft bei Epilepsie
Schwangerschaft und Geburt bergen bei Frauen mit Epilepsie per se kein erhöhtes Risiko. Dennoch sind Besonderheiten zu beachten. Die AAN kam anhand der Daten weltweiter Register der Jahre 1985 bis 2007 zu folgenden Ergebnissen: Valproinsäure erhöht das Risiko von Geburtsdefekten um den Faktor 2 - 6 und scheint die geistige Entwicklung der Kinder zu beeinträchtigen. Wenn möglich sollten Patientinnen mit Kinderwunsch deshalb rechtzeitig (d. h. ca. 6 Monate vor Eintritt der Schwangerschaft) auf ein anderes Antiepileptikum (AED) umgestellt werden. Phenytoin und Phenobarbital sollten wegen nachteiliger kognitiver Auswirkungen auf das Kind ebenfalls vermieden werden. Zudem scheint eine Mehrfachmedikation mit erhöhten Risiken verbunden zu sein. Die Sicherheit neuerer AED lässt sich aufgrund der begrenzten Datenlage noch nicht beurteilen. Da die Plasmaspiegel der Medikamente während der Gravidität abfallen können, wird ein Drug-Monitoring empfohlen. Schließlich sollten Frauen mit Kinderwunsch 0,4 mg Folsäure täglich einnehmen, um das Risiko von Geburtsdefekten zu reduzieren.
Aggressive Hirntumor-Therapie im Alter
Obwohl mindestens die Hälfte der Glioblastom Patienten älter als 65 ist, gibt es für diese Gruppe keine allgemein anerkannten Therapiestandards und keine gesicherten prognostischen Faktoren. Bei 394 Glioblastom-Pa-tienten im Durchschnittsalter von 71,9 Jahren stellte Dr. Fabio M. Iwamoto, Bethesda/ USA, fest, dass die mediane Überlebenszeit lediglich 8,6 Monate betrug. Die Risikodifferenzierung ergab, dass auch diese älteren Patienten von einer aggressiveren Behandlung profitierten.
So ging das Sterberisiko bei denjenigen, die eine adjuvante Chemotherapie erhielten gegenüber jenen, die nur bestrahlt wurden, um 65% zurück. Analog den Studien bei Jüngeren, so Iwamoto in Seattle, stellten sich auch bei den Älteren seines Kollektivs das Lebensalter, das klinische Gesamtbild und das Ausmaß der Tumorresektion als wichtige prognostische Faktoren heraus. Auch wenn die Überlebenschancen älterer Patienten geringer ausfallen, sollten bei ihnen ebenfalls aggressive Behandlungsformen einschließlich chirurgischer Eingriffe, Radio- und Chemotherapie in Erwägung gezogen werden. mawi
Quelle (Vortrag): Tagungstitel: 61. Jahreskongress der American Academy of Neurology (AAN), Vortragstitel: , Vortragender: , Ort: Seattle, Datum: 25.04.-02.05.09
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