Neuro-Depesche 9/2009
19. Treffen der European Neurological Society (ENS), 20. bis 24. Juni 2009 in Mailand
Therapieoptionen ausschöpfen - Prävention ausbauen
Etwa 10% der Europäer sind neurologisch erkrankt, führend sind Schlaganfälle (jährliche Inzidenz: 1 Mill.) und Kopfschmerz/Migräne (45 Mill.). Zusammen mit Demenz, Morbus Parkinson, MS etc. fordern sie die Gesundheitssysteme mit 35% der Mittel, berichtete Prof. José Ferro, Lissabon, neuer Präsident der ENS. Und nach WHO-Schätzung nehmen neurologische Krankheiten noch zu, Schlaganfälle bis 2020 um weitere 30%. Dies sollte Ferro zufolge zu Investitionen in Forschung und Ausbildung sowie zum Ausbau von Primär- und Sekundärprävention Anlass geben.
Screening auf Aneurysmen?
Nicht-rupturierte intrakraniale Aneurysmen liegen bei etwa 2% der Bevölkerung vor, erläuterte Gabriel Rinkel, Utrecht. Das Rupturrisiko ist z. B. erhöht bei weiblichem Geschlecht, höherem Alter, Rauchen, Bluthochdruck und Alkoholmissbrauch sowie bei Patienten mit polyzystischer Nierenerkrankung. Neben Größe und Lokalisation der Anomalie sind angesichts der familiären Häufung aber auch genetische Faktoren im Spiel. Menschen mit zwei oder mehr Betroffenen in der Familie sollten auf diese Gefäßanomalie gescreent werden. Bei Menschen mit nur einem betroffenen Verwandten erscheint dies nicht notwendig, so Rinkel. Für den Fall eines positiven Befundes liegen noch keine Empfehlungen zum Abstand der Nachbeobachtungen vor – und auch nicht zum Nutzen dieser Strategie.
Vom CIS zur MS
Auf der Suche nach biochemischen Markern für die Konversion eines klinisch isolierten Syndroms (CIS) zur MS entdeckte eine Ulmer Arbeitsgruppe im Liquor einen Kandidaten: Im Vergleich von jeweils acht CIS-Patienten, die über zwei Jahre eine schubförmige MS (RRMS) oder keine MS entwickelten, wurden bei den CIS-RRMS-Patienten acht herunterregulierte Proteine entdeckt, darunter Fetuin-A. Da die Konzentrationen dieses Proteins, dessen pathophysiologische Rolle bei CIS und MS ungeklärt ist, auch in einer früheren Studie bei MS-Patienten geringer waren als bei Gesunden, könnte es sich um einen vielversprechenden Marker für das Fortschreiten der Erkrankung bei CIS handeln.
LADIS-Studie zur Demenz
Selbst erkannte Gedächtnisprobleme prädizieren bei Personen mit altersassoziierten Läsionen der weißen Substanz (WM) eine Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT). Dies berichtete Ana Verdelho, Lissabon, aus der jüngst abgeschlossenen, auf dem ENS präsentierten European Leukoaraiosis and Disability Study (LADIS) an 639 älteren Menschen. Nach drei Jahren hatten 90 Teilnehmer eine Demenz entwickelt, 34 Fälle eine DAT mit vaskulärer Komponente und 54 eine vaskuläre Demenz. Koautor Franz Fazekas, Graz, zufolge ergab sich ein 17-fach erhöhtes DAT Risiko bei Menschen, die selbst über Gedächtnisprobleme geklagt hatten. Dieser Umstand war ein von anderen Risikofaktoren unabhängiger Prädiktor für eine DAT mit vaskulärer Komponente. Die Autoren weisen auf die offenbar komplexe Interaktion zwischen vaskulären und degenerativen Veränderungen hin und betonen die große Bedeutung der Behandlung vaskulärer Risikofaktoren.
Schlaganfallgefahr bei Migräne
Insbesondere weibliche Patienten mit einer Migräne mit Aura sind in Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, berichtete Prof. Hans-Christoph Diener, Essen. Aber auch Schlaganfälle treten bei ihnen gehäuft auf: In der Women's Health Study an mehr als 39 000 initial gesunden älteren Frauen war das relative Risiko für einen ischämischen Hirninfarkt gegenüber Frauen ohne Migräne bei ihnen 1,7-fach erhöht. In der Atherosclerosis Risk in Communities Study an mehr als 12 000 Älteren bestätigte sich die Gefährdung bei Migräne mit Aura (relatives Risiko: 1,8). Kommem Rauchen und die „Pille“ hinzu, ist das Schlaganfallrisiko um das Siebenfache erhöht. Dies ist eine Kombination, „die mir Sorgen bereitet“ sagte Diener und empfahl, diese Frauen dringend zum Nikotinverzicht aufzufordern.
Nicht-motorische Parkinson-Symptome beachten
Dass sich ein Parkinson-Syndrom oft Jahre oder sogar Jahrzehnte vor den motorischen Symptomen mit nicht-motorischen Zeichen manifestiert, berichtete in Mailand Prof. Eduardo Tolosa, Barcelona. Gerade Schlafstörungen, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen können, sind enorm häufig, erläuterte Prof. Claudio Bassetti, Zürich: In einer Studie an 178 Parkinson-Patienten lagen bei 65% Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus vor, 50% litten unter eine Insomnie, 36% unter Tagesmüdigkeit.
Im Gegensatz z. B. zur Verhaltensstörung im REM-Schlaf (RBD) ist Schlafwandeln aber wohl eher ein Merkmal späterer Stadien, wie eine Studie an 417 Parkinson-Patienten zeigt: 9% der Betroffenen wiesen deutlich gehäuft Halluzinationen und Albträume auf (p = 0,004 bzw. 0,003) und waren vor allem signifikant länger erkrankt (p = 0,035). Weitere nicht-motorische Symptome wie Kaufsucht und pathologisches Spielen können Betroffene in den wirtschaftlichen Ruin treiben und sozial stigmatisieren, so Bassetti.
In diesen Kontext passend stellten Forscher aus Belgrad in einem Kollektiv von 102 Parkinson-Patienten über acht Jahre eine sehr hohe Suizidrate von 8% fest. Neuropsychologische Tests bei Parkinson-Kranken ergaben Todeswünsche oder Suizidvorstellungen bei fast einem Viertel (23%).
ENS 2010 in Berlin
Der nächste ENS-Kongress unter dem Vorsitz von Prof. Karl Max Einhäupl und Prof. Dr. Klaus V. Toyka findet in Berlin statt. Vorzumerken ist der 19. bis 23. Juni 2010. JL
Quelle (Vortrag): Tagungstitel: 19. Treffen der European Neurological Society (ENS), Vortragstitel: , Vortragender: , Ort: Mailand, Datum: 20.-24.06.09
Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.
