Praxis-Depesche 10/2009
American Diabetes Association (ADA), New Orleans, 2009
Mit Tabletten einwerfen ist es nicht getan
So kündigt sich für die Diagnose des Typ-2-Diabetes eine kleine Revolution an: Nicht mehr der Nüchternblutzucker, sondern der HbA1c-Wert soll künftig den Ausschlag geben, ob jemand zuckerkrank ist, empfahl eine Expertenkommission. Demnach würde als Diabetiker gelten, dessen Langzeit-Blutzuckerwert über 6,5% liegt.
Prof. David Nathan, Boston, USA, erklärte, warum das HbA1c das bessere Diagnosekriterium ist: „Die Messung ist einfach und gut standardisiert. Das HbA1c ist hinsichtlich Diabeteskomplikationen genauso aussagekräftig wie die Momentaufnahmen des Blutzuckers. Die Messwerte sind beim HbA1c weniger variabel, und sie zeigen zuverlässiger die Langzeit-Glukosebelastung an.“ Die Messung des HbA1c könnte routinemäßig bei Patienten mit Hypertonie und/oder Übergewicht bzw. Adipositas erfolgen, etwa im Rahmen der etablierten Check-ups.
Sport ist Medizin!
Breiten Raum nahmen beim ADA-Kongress Prävention und Therapie des Typ-2-Diabetes und seiner Komorbiditäten durch körperliche Bewegung ein. So wurde einerseits beleuchtet, wie Sport in den Zuckerstoffwechsel und in das kardiovaskuläre Kontinuum eingreift. Zu den günstigen Wirkmechanismen zählen demnach:
• bessere Insulinaufnahme in den Muskel, stärkere Insulinwirkung im Muskel,
• Steigerung der linksventrikulären Herzfunktion,
• Wirkung gegen arterielle Gefäßsteifigkeit und endotheliale Dysfunktion,
• Hemmung der chronisch-subklinischen Inflammation,
• Reduktion des viszeralen Fettes,
• bessere Glukose-Insulin-Balance,
• niedrigere Plasmalipide und
• verringerte Entzündungsparameter,
• das alles auch unabhängig von einer Gewichtsreduktion.
Das richtige Maß an Ausdauer- und Kraftsport ist individuell unterschiedlich. 150 Minuten pro Woche sollten es insgesamt aber schon sein, meinte Prof. Steven N. Blair, Columbia, USA, wenn nicht gewichtige Kontraindikationen vorliegen. Und in solchen Fällen finde sich meistens auch noch ein Ausweg, etwa durch die Wahl geeigneter Sportarten.
So wirkt beim Schwimmen und Radfahren weniger Gewicht auf die Gelenke und Druck auf die Füße als beim Walken – und beim Walken wiederum weniger als beim Joggen, wie Prof. Peter R. Cavanagh, Philadelphia, USA, erklärte. Liegt bereits eine Neuropathie vor, sollte vor Trainingsbeginn der Druck an den Füßen gemessen werden, so Cavanagh. „Prinzipiell ist das kein Hindernis für Sport; es kommt nur noch mehr als sonst auf gut passendes Schuhwerk, wenig belastende Sportarten und regelmäßige Fußinspektion an.“ Patienten mit Gelenkproblemen bevorzugen laut Prof. Jill A. Kanaley, Syracuse, USA, oft einen größeren Anteil an Kraftsport: „Den können sie teils im Sitzen ausüben und dabei ihre Gelenke schonen.“
Neue Antidiabetika in Sicht
Nicht der Muskel, sondern die Niere bietet den Ansatzpunkt für ein völlig neues Therapieprinzip gegen Typ-2-Diabetes: Durch Hemmung des Sodium-dependent Glucose-Transporter-2 (SGLT-2) soll die Glukoserückresorption aus dem Primärharn verringert werden. Damit können am Tag etwa 100 g Glukose über den Harn ausgeschieden und das HbA1c signifikant abgesenkt werden. Erwünschter Nebeneffekt ist eine Gewichtsabnahme, unerwünschte Nebeneffekte könnten Harnwegs- oder Genitalinfektionen sein, konstatierte Prof. John P. H. Wilding, Liverpool, Großbritannien.
Ein anderes neues Therapieprinzip zielt auf Interleukin-1 (IL-1). Dieses reguliert u. a. Appetit und Körpergewicht. Bei vielen Diabetikern sind die IL-1-Spiegel in Blut und Pankreas erhöht. Dadurch werden eine chronisch-subklinische Entzündung, die Atherosklerose sowie die Apoptose der Betazellen getriggert. IL-1-Rezeptorantagonisten sollen dem entgegen wirken.
KHK: Genügen Tabletten?
In der Studie BARI-2D standen bereits etablierte Verfahren auf dem Prüfstand. Hier wurde untersucht, ob Typ-2-Diabetiker mit koronarer Herzkrankheit nach einer invasiven Intervention (Bypass-OP oder Stenting) ein besseres Outcome haben als mit Medikamenten allein und ob sie von insulinotropen oder Insulin-sensibilisierenden Medikamenten mehr profitieren.
„Es haben sich keine signifikanten Unterschiede in der Mortalität gezeigt“, gab Prof. Trevor Orchand, Pittsburgh, USA, bekannt. Die Fünfjahres-Überlebensraten lagen nach seinen Worten im gesamten Studienkollektiv durchweg bei etwa 88%. „Allerdings hatten die Patienten mit Bypass-OP insgesamt weniger koronare Ereignisse – Schlaganfälle, Herzinfarkte und Tod – als die nur mit Medikamenten behandelten“, präzisierte er. Studienleiter Prof. Robert L. Frye, Rochester, USA, fasste zusammen: „Patienten mit schwererer Herzerkrankung waren besser dran, wenn sie frühzeitig eine Bypass-OP bekamen. Zudem profitierten sie offenbar eher von einer Insulin-sensibilisierenden Diabetestherapie.“ SR
Quelle (Vortrag): Tagungstitel: American Diabetes Association (ADA) 69th Scientific Session, Vortragstitel: , Vortragender: , Ort: New Orleans, Datum: 04.-10.06.09
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