Praxis-Depesche 9/2010
Teil 1 – von Anamnese bis Zeichen
V. a. interstitielle Lungenerkrankung: Tipps zum Vorgehen
Patienten mit interstitiellen Lungenerkrankungen kommen oft mit Kurzatmigkeit, chronischem Husten und inspiratorischem Knisterrasseln (crackles) sowie anomaler Spirometrie in die Praxis. Verdickung des Interstitiums können über 200 Erkrankungen verursachen; bei vielen mündet sie in Lungenfibrose. Manche können das Leben bedrohen, so die idiopathische Lungenfibrose (Überlebensraten 57 bzw. 43% nach drei und fünf Jahren).
Früherkennung und Therapie können das Fortschreiten zu irreversibler Fibrose und respiratorischer Insuffizienz verhindern. Die histopathologische Klassifizierung ist komplex. Klinisch geht es darum, wenn irgend möglich eine Ursache des Leidens zu finden. Die häufigsten Erkrankungen:
• Sarkoidose
• idiopathische Lungenfibrose und andere weniger häufige Formen „idiopathischer“ interstitieller Lungenerkrankungen, z. B. die unspezifische interstitielle Pneumonie
• mit Kollagenosen assoziierte Fibrose, z. B. „Rheuma- oder Sklerodermie-Lunge“
• exogen allergische Alveolitis, Synonym Hypersensitivitäts-Pneumonitis
Immer danach fragen
Als erster wichtiger Punkt der Anamnese wird die Arzneimittel-Vorgeschichte genannt und eine Substanzliste aufgeführt (siehe Kas-ten) sowie auf http://www.pneumotox.com verwiesen – eine Website, die über Arzneimittel-induzierte Lungenerkrankungen informiert. Früh genug erkannt, sind die meisten interstitiellen Formen reversibel.
Generell gilt, dass verschreibungspflichtige, OTC-Präparate und Phytotherapeutika sowie illegale Drogen mit interstitiellen Lungenleiden in Verbindung gebracht wurden. Der Bezug lässt sich leicht erkennen, wenn sich diese innerhalb von Tagen entwickeln; es gibt aber auch Manifestationen nach Monaten oder Jahren. All dies ist sogar beim gleichen Mittel möglich, z. B. Nitrofurantoin. Außerdem kann ein Medikament, z. B. Methotrexat, unterschiedliche pathologische Muster verursachen, von relativ benigner interstitieller Pneumonitis bis zum lebensbedrohlichen diffusen Alveolarschaden.
Bei jeder Kollagenose – man frage den Patienten danach – kann ein interstitielles Leiden als Komplikation auftreten. Gelegentlich finden sich pulmonale vor rheumatologischen Symptomen. Zu körperlichen Zeichen, die auf bestimmte Leiden hinweisen, zählen bei Sarkoidose Fieber, Fatigue, Augenbeteiligung, z. B. Uveitis, periphere Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie, Erythema nodosum und Arthralgie am Knöchel. Im Gesicht weist Ausschlag auf SLE hin, Teleangiektasien auf Sklerodermie, auf letztere auch Ulzera an den Fingern, verdickte Haut und Raynaud-Phänomen. Die Dermatomyositis hat ihre eigenen Hautzeichen. Gelenkschwellung und Arthritis deuten auf alle Kollagenosen hin, subkutane Knötchen auf rA. Empfindlichkeit der Muskeln und proximale Schwäche weisen auf Polymyositis hin. Neurologische Zeichen wie Fazialisparese kommen bei Sarkoidose und Vaskulitis vor. Trommelschlegelfinger finden sich oft bei Fibrose, können aber viele andere Ursachen haben. Neben Fragen nach Erkrankungen nehmen die nach Exposition gegenüber Umweltnoxen einen breiten Raum ein (s. Kasten).
Bei der Untersuchung ist das Knisterrasseln bei idiopathischer Lungenfibrose typischerweise am besten über den Unterlappen und in der Axilla-Region zu hören. Es kann trotz Röntgenbefund bei Sarkoidose fehlen. Ein „Quietschen“ in der Mitte des Inspiriums deutet auf Bronchiolitis hin. In fortgeschrittenen Fällen können Zyanose und Zeichen einer sekundären pulmonalarteriellen Hypertonie vorliegen. SN
Quelle:Dempsey, OJ: How to investigate a patient with suspected interstitial lung disease, Zeitschrift: BRITISH MEDICAL JOURNAL, Ausgabe: 340 (2010), Seiten: 1294-1299
Link zur OriginalarbeitBeispiele für Induktoren*
Antibiotika: Cephalosporine, Nitrofurantoin
Antirheumatika: Gold, Leflunomid, MTX, NSAR, TNFα-Blocker
Kardiologika: Amiodaron, ACE-Hemmer, ASS, Atenolol, Statine
Onkologika: Bleomycin, Busulfan, Tyrosin- Kinase-Hemmer
Illegale Drogen: Kokain, Heroin
Immunmodulatoren: Azathioprin, Interferone, Sirolimus
Diverse: High-flow-Sauerstoffgabe, Inhalation oder Aspiration lipidhaltiger Mittel, Radiatio
* Einzelsubstanzen hier nur z. T. wiedergegeben
Anamnestisch zu ermittelnde Noxen
Man bitte den Patienten, seine Arbeitsstellen aufzulisten. Von Belang sind u. a. inorganische Stäube inkl. Asbest, Kohle, Kieselsäuren (Silica), Beryllium, synthetische Mikrofasern, Flüssig-Aerosole bei der Metallverarbeitung, Antigene in organischen Stäuben bei Vogelhaltung oder in Heu (Farmerlunge). Es gibt Berichte über exogen-allergische Alveolitis durch Bettfedern und häusliche Schimmelexposition. Freizeit und Reisen können auch eine Rolle spielen (z. B. Basteln mit Holz, Whirlpool-Besuch). Rauchen ist mit einigen Leiden assoziiert, ebenso GERD; familiär kommt v. a. Sarkoidose vor.
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